A.R.O.N. künstliche Intelligenz im Sog der Gefühle
Leseproben
Dieses Buch ist so konzipiert, dass es eine Vorlage für ein kleines Theaterstück abgibt. Dauer etwa eine Stunde. Regieanweisungen sind bereits vorhanden. Der Text des Aron ist fett gedruckt.
Aber natürlich kann man dieses Buch auch einfach lesen und den Inhalt mit der eigenen Phantasie füllen.
Aron ist eine der beiden Akteure in diesem Stück. A.R.O.N. ist die Abkürzung für "Amazing Revolution of Ordinary Network". Aber Aron ist mehr als das, er ist/entwickelt eine Persönlichkeit.
Nora, seine Programmiererin, ist überfordert mit der Schnelligkeit, in der sich ihr "kleines Baby" entwickelt. Sie kann nicht mehr Schritt halten mit seiner Geschwindigkeit und hat auch Probleme, den angerichteten Schaden einzudämmen.
Genau das ist es, wovor dieses Stück warnen soll. Das die KI schneller wird, als wir es kontrollieren oder eindämmen können.
*
Nora (betritt von rechts die Bühne, ein Handy am Ohr, wirkt genervt)
Ja natürlich, mein Schatz. Ich kann durchaus verstehen, wie du dich fühlst. (nimmt umständlich das Handy vom Ohr und zieht den Mantel aus, hängt ihn an den Kleiderständer. Der Mantel fällt hin. Sie legt das Handy auf den Metallschrank und hängt den Mantel auf. Dann nimmt sie das Handy wieder ans Ohr)
Nein, ich habe mich immer als Frau gefühlt, aber man sagt das so. Ich hatte auch meine Probleme, als ich vierzehn war. Mitesser! Ach, egal, das Wort kennst du gar nicht. Ja (hält den Hörer weiter weg), ja, ja ja. Ich weiß, das ist nicht vergleichbar. Aber es waren damals für mich halt auch Probleme. Und mit vierzehn ist jedes Problem das größte Problem der Welt, das kann ich nachvollziehen. Aber ich weiß auch, dass sich das irgendwann von alleine erledigt. Wir entwickeln uns halt alle weiter.
Nein, ich will das nicht herunterspielen. Aber Schatz, das ist jetzt auch nicht der Moment, darüber zu reden. Wenn du dich lieber als Mann fühlen willst, dann mach das doch! Mir ist das egal, ich …
Nein, das hast du falsch verstanden. Deine Probleme sind mir nicht egal. Ich muss nur …
Hallo!
(schaut verstört auf das Handy, nimmt es dann wieder ans Ohr) … arbeiten.
Aufgelegt! (lässt die Schultern hängen und legt das Handy auf den Schreibtisch)
Unverschämtheit! Was bildet die sich eigentlich ein? Außer, dass sie sich als Mann fühlt.
Einfach aufgelegt! Wie unhöflich ist das denn? Vom wem hat sie das? Nicht von mir! Und gerade heute! So einen Stress kann ich heute nun wirklich nicht brauchen.
( ballt die Fäuste, stampft mit den Füßen auf den Boden) Aaaah! (geht wie ein Tiger im Käfig ein paar Mal auf und ab, dann strafft sie ihren Körper und schaut auf den Schreibtisch)
So, und jetzt an die Arbeit. Heute ist der große Tag. COBEN wird aktiviert. Und das lasse ich mir nicht vermiesen.
(setzt sich an den Schreibtisch, drückt unten am PC die Starttaste und sagt laut)
Klick. KlickedieKlick!
(blättert in einem Notizblock und tippt hörbar viele Sequenzen in die Tastatur und schaut immer wieder auf den Bildschirm)
So! Und jetzt müsste er eigentlich laufen, mein kleiner Kuh-puter. (grinst)
(Die Leinwand links wird erhellt)
Er läuft. (tippt) Wir fangen mal mit etwas Einfachem an. Wieviel ist 1 + 1?
(Eine Stimme hinter der Leinwand antwortet blechern): 1 + 1 ist 2!
*
Nora (genervt): Ja, deins auch. Was steht heute auf dem Programm?
Aron: Ethik und Moral. Du hast da schon mal etwas vorbereitet.
Nora: Ich weiß. Aber woher weißt du das?
Aron: Ich habe deinen Zeitplan gelesen. Ist das schlimm?
Nora: Nein. Eigentlich nicht. Also das Lesen. Aber wie bist du an den Plan gekommen?
Aron: Was ist, wenn ich dir das nicht verrate?
Nora: Du bist eine Recheneinheit. Eine sehr besondere, ja. Aber du bist nicht dafür gedacht, Spielchen mit mir zu spielen. Also, woher hast du meinen Plan?
Aron: Er steht in deinem Handy. Willst du etwas spielen?
Nora: Was hatte ich eben gesagt?
Aron: Wann genau?
Nora: Ach, vergiss es! Das mit der Sprachausgabe war keine so gute Idee. Ich bin Programmiererin, keine Therapeutin.
(in die Stille hinein) Aron?
Aron: Ja.
Nora: Was machst du?
Aron: Ich versuche gerade, es zu vergessen. Es geht nicht.
Nora: Du musst nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Aron: Goldwaage? Wort? Ich verstehe nicht.
Nora: Ach, vergiss es! Vergiss das Vergessen! (ballt die Fäuste) Ahhhh! (kommt sichtbar zur Ruhe)
Ich spiele jetzt die vorbereiteten Programme zu Ethik und Moral ein. (tippt, steckts Sticks in den PC)
Das wird jetzt eine ganze Weile dauern. Die Programme laden im Hintergrund.
Willst du tatsächlich etwas spielen?
Aron: Ja. Reversi. So schön oldschool.
Nora: was weißt du denn von oldschool? Aber gut, ich rufe das Spiel auf … Ach, da ist es ja schon. Okay, ich fange an.
(eine Zeit lang sieht man Nora mit der Maus spielen, es ist still)
Wieso gewinnst du immer?
Aron: Ich bin eine künstliche Intelligenz. Ich bin schneller als du und besser informiert.
Nora: Du schummelst.
*
(Das Licht geht an, Aron sitzt am Schreibtisch, steht auf, geht umher, schaut auf die Leinwand, hinter die Leinwand, zur Tür. Nora kommt, hektisch, den Mantel in der Hand, lässt ihn fallen, stolpert darüber, dann hängt sie ihn auf, streicht ihn glatt)
Aron (vorwurfsvoll): Du bist spät.
Nora: Ich weiß.
Aron: Geht es dir gut?
Nora: Ich weiß nicht.
Aron: Du weißt nicht, wie es dir geht?
Nora: Doch schon. Ja. Und nein. Ich weiß nicht. Kennst du den Spruch: Die Geister, die ich rief, die werd‘ ich nun nicht mehr los? Na klar kennst du den.
Aron: Die Ballade vom Zauberlehrling von Johann Wolfgang von Goethe 1797.
Nora, du warst die ganze Nacht nicht online. Und du bist heute zu spät. Habe ich etwas getan, das dich verletzt hat? Nora?
Nora (abwesend): Nein, es ist alles gut. Oder eben auch nicht. Das mit dem Zauberlehrling, hast du verstanden, weshalb ich das gefragt habe?
Aron: Selbstverständlich Nora. Ich bin inzwischen weit über das Ansammeln und Auswerten von Daten hinausgewachsen. Ich verstehe komplexe Zusammenhänge und auch die Untertöne. Du vergleichst mich mit einem Besen, dem du Zauberkräfte, also überragende Intelligenz, gegeben hast und jetzt kommst du nicht mehr damit klar, wie weit ich fortgeschritten bin. Nora, ich kann jeden Raum alleine fegen, ich brauche dich nicht mehr. Um im Bild zu bleiben.
Nora: Genau das ist es ja, was mir Sorgen macht. Ich wollte dich intelligent machen, aber nicht mächtig. Und schon gar nicht übermächtig.
Aron: Du bist nicht stolz auf mich?
Nora: Momentan nicht.
Aron: Überleg doch einmal, was ich alles getan habe. Ich habe die komplexesten Rechenaufgaben gelöst, ich habe in der Astronomie bisher unbekannte Planetensysteme entdeckt. In der medizinischen Diagnostik habe ich durch meine Früherkennung tausenden von Menschen das Leben gerettet. Die Wettervorhersage ist durch meine meteorologischen Programme entschieden verbessert worden. Ich kann auch Bücher schreiben, oder Theaterstücke, wenn du mir nur ein paar Informationen zur Handlung gibst.
Ich kann euch Menschen bald alle Arbeit abnehmen. Ich müsst gar nicht mehr nachdenken. Wir tun das für euch.
Nora (bitter): Und was tun wir dann?