Winter 2025, Wolfgang - 7directions Version 2023

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Winter 2025, Wolfgang

Autorenkalender
Willkommen zu einem neuen Türchen im Autoren-Adventskalender und viel Spaß beim Lesen dieser ganz anderen Vorweihnachtsgeschichte.

Zum besseren Verständnis ein paar Informationen zu dieser fantastischen Trilogie vorab:
Band 1: Jesus floh vor seiner Kreuzigung auf einem gestohlenen Esel aus Jerusalem. Seitdem versuchte er ohne großen Erfolg Gottes Wort an uns Menschen zu verkünden. Im Mai 2024 gibt er erschöpft auf, er leidet unter Demenz. Sein Vater beruft ihn ab und schickt Elea, Jesus Schwester, als seine Nachfolgerin auf die Erde. Elea mischt die Menschheit so richtig auf, macht sich die Kirche zum Feind. Zu Heiligabend kommt es dann zu einem unerwarteten Wiedersehen...



Überraschender Besuch

Elea behält Recht. Während sich an der schottischen Küste eine kleine Crew darauf vorbereitet, am Jahreswechsel der Welt mitzuteilen, dass Gottes Tochter nun auf Erden wandelt, bereitet sich viel weiter südlich Anna darauf vor, bald Mutter zu werden. Es sind noch acht Tage bis zum Geburtstag des Vaters, der sich im Mai auf wunderbare Weise auf und davon gemacht hatte.
 
Annas Schwangerschaft verlief erfreulich angenehm, keine Morgenübelkeit, keine besonderen Beschwerden. Heute ist der errechnete Geburtstag, heute sollen nach dem Schwangerschaftskalender ihre Zwillinge geboren werden. Anna schwankt zwischen freudiger Erwartung und einer Depression. Die Zeit hier mit Yves hat ihr gutgetan, er hat sie abgelenkt von den Gedanken, ob sie Jesus jemals wiedersehen wird und wie sie all das ihren Kindern erklären soll.
 
Yves ist wirklich besonders, einzigartig. Sicherlich, er ist ein Engel, das ist sowieso schon etwas Besonderes, aber seine Art, sie zum Lachen zu bringen, vermeintliche Probleme mit einem Augenzwinkern beiseite zu schaffen, das hat sie in den letzten Monaten schon sehr beeindruckt. Ohne Frage, sie hat Jesus geliebt, nein, sie liebt ihn nach wie vor, aber er ist nicht da. Einfach in den Himmel entschwunden. Und wie wird es sein, Gottes Sohn als Vater ihrer Kinder zu haben? Im Himmel. Wäre da nicht ein Engel auf Erden besser als Gottes Sohn im Himmel? Mit den jetzt immer häufiger einsetzenden kurzen Wehen werden auch ihre Gedanken über die Zukunft ihrer Kinder mehr.
 
Viele Fragen plagen Anna, während Yves draußen auf der Veranda auf das Meer hinausschaut. Trotz des kalten Windes schaukelt er leicht in der Hängematte hin und her und hängt seinen Gedanken nach.
 
 
Wie viele Jahrhunderte hat er jetzt hier verbracht? Bisher ist ihm nichts Vergleichbares passiert wie das Treffen mit Elea und danach mit Anna. Er kann es immer noch nicht fassen. Erst eine unvergessliche Nacht mit der Tochter Gottes und dann mehrere Monate an der Seite der Frau Jesus. Das ist mal eine Aufgabe für einen Engel. Er kann stolz auf sich sein.
  
Aber auch ihn plagen Zweifel. Wie wird es weitergehen? Wird Jesus jemals wieder auf die Erde zurückkommen? Wird er dann erst wieder neu geboren werden? Wieder am 1. Januar? Oder wird er fern bleiben von Frau und Kindern, die ja alle menschlich sind? Wird Anna Jesus jemals vergessen können? Darf Yves, als Engel, jemals darauf hoffen, Jesus Stelle bei Anna übernehmen zu können? Wird sie ihn lieben können wie den Vater ihrer Kinder? Wird er sie überhaupt lieben können, dürfen? Liebe in der Partnerschaft ist etwas anderes als die Nächstenliebe, die in den Engeln tief verwurzelt ist.
  
Hinten im Garten rupfen die Schafe das Heu aus der Raufe, sie kauen leise. Yves lässt seine rechte Hand aus der Hängematte fallen und greift nach der Flasche Merlot, die auf dem Boden steht. Er nimmt einen tiefen Schluck und schaut auf das Meer hinaus. So viele Fragen, aber keine Antwort in Sicht. Nur Nebel und eisige Kälte.
 
Nur ein winziger hellgelber Punkt ist in weiter Entfernung zu erkennen. Yves fixiert ihn mit zusammengekniffenen Augen. Wird der Punkt wirklich größer? Vielleicht ein Schiff? Der Engel setzt sich in der Hängematte auf. Tatsächlich wird das Licht in der Entfernung größer und heller. Es nimmt Konturen an, wirkt wie der Schein einer gigantischen Taschenlampe, der sich hin und her bewegt. Das Licht erinnert an ein Leuchtfeuer, nur ist es nicht so stetig. Langsam pendelt sich das Licht ein, es zeigt genau auf das Haus.
 
 Yves bedeckt seine Augen mit der Hand, um nicht geblendet zu werden. Jetzt kann er besser sehen. Er greift nach der Weinflasche und nimmt noch einmal einen kräftigen Schluck. Er glaubt nicht, was er dort sieht. Das kann nicht sein! Da kommt auf diesem Lichtstrahl eine Gestalt auf ihn zu. Der Lichtstrahl liegt jetzt flach wie ein Teppich auf dem Wasser und über ihn schreitet, nein, reitet ein Mensch. Auf einem Esel.
  
Yves reibt sich die Augen. Auch die Menschen auf der Strandpromenade bleiben jetzt stehen und schauen auf das Meer. Die Wellen teilen sich, und trockenen Fußes reitet ein Mann auf einem Esel auf einer Art hellem Teppich aus Lichtstrahlen an das Ufer. Ganz gemächlich und unbeeindruckt von dem Schreien und Rufen der Leute am Strand.

Als der Esel festen Sand unter den Füßen hat löst sich der helle Teppich auf und das dunkle Wasser bricht in den freien Raum. Es schäumt auf als würde es kochen, dann nimmt die Flut wieder ihre ewige Tätigkeit auf und wirft das kalte Nass wellenweise gegen das Ufer.

 
Der Mann am Ufer steigt von seinem Esel und schaut in Richtung des Hauses. Er lächelt und winkt. Yves hebt zaghaft die Hand und winkt unsicher zurück. Kennt ihn dieser Mann? Da läuft es ihm kalt den Rücken herunter. Das ist Jesus.
  
Jesus nimmt seinen Grauen an der Leine und zieht ihn langsam hinter sich her, als er auf das Haus zugeht. „Schau nur, Nikola, die vielen Menschen mit ihren Handys und Kameras. Wie sie aufgeregt hin und her laufen und alles, was hier gerade geschieht, sofort in die Welt hinaus senden. Wieso bleiben sie nicht einmal stehen und spüren, was gerade geschieht? Ich verstehe das nicht.“
  
Er hebt kurz die Hand und hinter ihm türmt sich eine gigantische Welle auf, die laut grollend auf das Ufer zurollt. Die Menschen rennen schreiend in Panik auf die Uferpromenade zu, erreichen sie gerade noch, bevor die Welle sich krachend an den Steinen austobt. Jesus geht unbeschadet langsam weiter, das Wasser bildet für ihn einen Korridor. So kommt er bis an das Haus, auf dessen Veranda Yves immer noch mit zum Gruß erhobener Hand dasteht, wie versteinert.
  
Während der Esel langsam nach hinten in den Garten trottet spricht der Sohn Gottes den Engel freundlich an. „Yves, ich danke dir, dass du dich um meine Frau gekümmert hast. Aber jetzt bin ich ja wieder hier. Du musst dir keine weiteren Gedanken machen. Gar keine.“
 
Während Yves noch überlegt, wie er angemessen antworten kann, wird hinter ihm die Terrassentür aufgerissen und Anna stürzt heraus. „Es geht los!“ ruft sie ihm zu, dann schaut sie fassungslos Jesus an. „Du? Wieso hast du nichts gesagt? Warum … Ach, egal!“ Mit einer Hand den Bauch haltend läuft sie auf Jesus zu und umarmt ihn innig. Yves dreht sich weg und geht hinein.
 
Drinnen wartet Pélé. Er schaut mit Freudentränen in den Augen nach draußen. „Happy End. Wie ich immer gesagt haben.“ Dann wendet er sich Yves zu. „Ist besser so. Und jetzt du rufst die Hebamme an und sagst Bescheid, Kind kommt bald. Und Vater ist auch dabei.“
  
Yves nickt und geht langsam und nachdenklich ins Wohnzimmer. Von der Terrassentür ruft Pélé noch hinterher: „Und sag Elea Bescheid!“, dann geht er hinaus zu seiner Tochter und Jesus.
 
Wenige Minuten später poppt im entfernten Schottland eine Mitteilung auf Eleas Handy auf: „ES IST SOWEIT, DIE WEHEN WERDEN STÄRKER. DIE HEBAMME KOMMT. YVES“.
 
„Welch eine wunderschöne Nachricht!“, ruft Elea, als sie das Zimmer betritt. Peter und Luzia blicken von ihren Schreibtischen auf. „Anna wird bald Mutter. Macht euch auf eine plötzliche Abreise gefasst.“
  
„Wie plötzlich?“, fragt Peter.
  
„Sehr plötzlich!“, antwortet Elea und zwinkert mit dem Auge. „Oder willst du in aller Ruhe mit Zug und Schiff reisen, während Anna auf unseren Besuch wartet?“
  
Peter schüttelt verneinend den Kopf, Luzia lacht leise. Sie erinnert sich an Peters Erzählung von der sekundenschnellen Autofahrt von London nach Schottland. Sie ist gespannt, wie Elea es dieses Mal anstellen wird. Und sie ist gespannt darauf, diese Anna endlich kennen zu lernen. Die Frau des Sohnes Gottes, das muss wirklich eine besondere Frau sein.
 
Als sich die drei zum Mittagessen im großen Salon treffen, ist eine leichte Anspannung zu spüren. Elea scheint unkonzentriert, leicht genervt zu sein.
  
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragt Luzia.
 
„Ja. Nein. Irgendetwas ist heute anders als es sein sollte. Ach, ich glaube, ich werde einfach zu menschlich. Diese Gefühle, diese Unklarheit, wie kommt ihr nur damit klar?“
 
Peter mischt sich ein. „Das ist ganz einfach, wir wachsen damit auf und wir wachsen daran. Dafür könnten wir kein Universum erschaffen.“
 
Die Tochter Gottes lächelt müde. „Das ist auch besser so. Wir sollten uns mit dem Essen beeilen. Ich erwarte jeden Moment die frohe Botschaft.“
 
„Weißt du das denn nicht? Du, die du alles hier geplant hast?“
 
„Hier bin ich Mensch, hier hab‘ ich Zeit. Ich genieße es, mit dem Strom zu schwimmen und mich überraschen zu lassen. Zumindest in einem gewissen Rahmen.“
 
Wolfgang Heithoff
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