Osterkalender 2022 - 7directions

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Osterkalender 2022

Autorenkalender > Wolfgangs Kalender
Und schon ist es 2022! Und wieder gibt es einen neuen


zur Osterzeit. Ich wünsche uns Frieden. Überall. Jetzt.
...

Jesus, in der Landessprache Jeshua genannt, sitzt in dem dunklen, muffigen Kerker und schnitzt aus einem Stück Holz eine Flöte. Als gelernter Zimmermann hat er sein Handwerkszeug immer dabei, ein kleines Messer. Merkwürdigerweise wurde es ihm nicht abgenommen.

 
Es ist warm und stickig in dem gemauerten Raum, der nur von dem Licht aus einem kleinen vergitterten Fenster erhellt wird. Das Stroh riecht muffig, noch unangenehmer aber riechen die anderen Insassen dieser Zelle. Wenn es Wasser gibt, wird es getrunken. Waschen ist hier ein unbekanntes Wort.
 

Hin und wieder hört man das Kratzen eines Bechers an der Mauer, ein Husten aus dem Dunkel der hinteren Ecke oder ein leises Stöhnen im Schlaf. Wer hier ist, hat sich aufgegeben und wurde aufgegeben.
 
Der Schweiß tropft Jesus von der Stirn und den langen braunen Haaren, immerfort wischt er seine Stirn mit den Ärmeln seines braunen Gewandes ab. Es ist unerträglich warm in dem Kellerverließ.
 

Zu seinen Füßen hat sich ein kleiner Haufen Rinde und Holzspäne angesammelt, unbeirrt von dem Gestöhne seiner Kerkergenossen schnitzt er weiter an seiner Flöte. Irgendwie muss er die Zeit hier unten sinnvoll verbringen. Morgen soll ihm der Prozess gemacht werden. Jesus kann sich gar nicht erklären, wie er die Obrigkeit gegen sich aufgebracht haben soll.
 

In seinem bisherigen Leben, insbesondere in den drei Jahren hier in und um Jerusalem, hat er immer sehr viel Glück gehabt. Und mit seinem Frohsinn und seiner Leichtigkeit hat viele Leute angesteckt. Sie sind ihm auf seinen Reisen gefolgt, zunächst vereinzelt, dann in immer größeren Gruppen. Jesus hat Gefallen daran gefunden, sein Glück mit anderen zu teilen. Und offen und ehrlich seine Meinung zu sagen. Das macht frei. Und da er immer so offen und ehrlich mit seinen Mitmenschen umging, öffneten sich ihm Türen und Tore.
 

Umso unverständlicher ist es für ihn, dass er jetzt hier hinter Schloss und Riegel von der Außenwelt abgeschottet worden ist. Er ist sich sicher, nichts getan zu haben, was Anderen geschadet haben könnte oder für das er bestraft werden müsste.  Also sieht Jesus dem morgigen Tag gelassen entgegen. Es kann sich alles nur um ein Missverständnis handeln.
 
 
Ein prüfender Blick auf die Flöte, fertig!
 

 
Jesus setzt sie an die Lippen und spielt die ersten Töne. Furchtbar! Als wenn eine Drossel schreiend vom Baum fällt. Jesus schüttelt verzweifelt den Kopf. Das Holz war wohl doch zu feucht und ohne ausreichendes Licht war es ein verzweifelter Versuch gewesen, sich die Zeit im Kerker zu vertreiben.
 

Trotzdem! Er setzt die Flöte noch einmal an und bläst mit aller Kraft einen schrägen Ton nach dem anderen aus dem Kerkerfenster hinaus in die einsetzende Abenddämmerung.
 

Krachend zerplatzt an der Wand neben ihm ein Becher aus Ton. Brackiges Wasser rinnt an den Steinen herab. Aaron, der Fischer, war der Absender dieser stillen Botschaft: „Ruhe!“
 

Jesus reagiert nicht, er hat Glück gehabt, wieder mal. Daneben!
 

Aaron soll morgen wegen Mordes gekreuzigt werden. Der Prozess ist allerdings reine Formsache, das Urteil ist vorhersehbar, es scheint angemessen, Aaron ist ein Mörder. Ein mehrfacher. Und er bereut keine seiner Taten. Ein unangenehmer, lauter Zeitgenosse, der nur seine eigenen Interessen im Kopf hat und diese erbarmungslos durchsetzt.
 
Latros, der freundliche Grieche, hingegen hatte ein Verhältnis mit der Tochter der Präfekten angefangen. Sehr zum Missfallen ihres Vaters, der ihm einen Mord unterschob und ihn ebenfalls morgen zum Tode verurteilen lassen will. Als Besatzungsmacht ist man hier auch Herr der Rechtsprechung.

 
Der stille Grieche nimmt dies alles gelassen hin. Wenn es so sein soll, dann wird er morgen sterben. Und wenn nicht, dann folgt er vielleicht dem Verrückten, der dort unter dem Fenstergitter sitzt und auch in dieser Dunkelheit eine gewisse Fröhlichkeit verbreitet.

 
Allerdings nicht mit seinem Flötenspiel, das ist grausam!
 
 
Wenige Meter entfernt, auf der anderen Seite der Mauern, zieht Longinus eine Augenbraue hoch und schaut auf das Kerkerfenster. Zunächst dachte er, einer der Gefangenen werde gefoltert, doch nun hört er, wie eine Reihe schriller Töne verzweifelt versucht, eine Melodie zu werden. Einer der Gefangenen offensichtlich. Vermutlich seine letzten Töne vor der Kreuzigung.
 
Die Wache schaut an der Steinfassade des Palastes hinauf. In den Räumen des Pontius Pilatus brennt Licht. Auch hier dringt Musik aus dem Fenster, aber wohlklingender. Ein leichter Geruch von gebratenem Fleisch weht vorbei. Longinus zieht die Nase hoch und schüttelt fragend den Kopf. Was die dort oben wohl wieder treiben? Er hat viele Gerüchte über das ausschweifende Treiben im Palast gehört, ist selbst aber noch nie dort gewesen.

 
Wozu auch? Longinus lehnt sich an seine Lanze und träumt sich zurück in seinem Heimatort, das Haus seiner Eltern, welches er vor zwanzig Jahren verlassen hat.

 
Die Musik oben verstummt, die Stimmen aus der ersten Etage werden immer lauter, man scheint sich angeregt zu unterhalten. Longinus hört das Geräusch rollender Würfel, Rufe, laute Worte. Viel Geld scheint dort den Besitzer zu wechseln.
 
 
Pontius Pilatus ist an der Reihe. Er hat bereits eine große Menge Geld verloren, auch zwei seiner goldenen Ringe haben den Besitzer gewechselt. Während er schwitzend die Würfel im Lederbecher schüttelt überlegt er krampfhaft, welche Steuern er noch erfinden könnte, um den fehlenden Betrag wieder in die Staatskasse einzubringen. Rom hat den Besuch eines Steuerprüfers angekündigt, er muss vorsichtig sein.

 
Die Würfel fallen: Eine 1 und eine 2. Der Stadthalter jubelt. Die für den Notfall geplante neue Steuer auf den Verkauf von Frischfisch entfällt. Er hat soeben seinen letzten Einsatz zurückgewonnen. Grinsend zieht er einen Goldring wieder auf einen seiner dicken Finger. Ihm schwindelt leicht. Der viele Wein hat ihm zugesetzt.

 
„Schtrasse! Ihr alten Tunika tragenden Waschweiber! Ich habe ge-wonnen! Und jetzt ist genug! Das Spiel ist aus! Vobbei!“ Er greift ungeschickt nach dem Weinbecher, bekommt ihn tatsächlich zu fassen und leert den Inhalt in einem Zug.

 
„Yeeooooh!“ Ein lauter Rülpser rollt aus seinem Hals über die Nerven seines Gegenspielers.

 
Fabius Octopus verzieht das Gesicht. Nicht nur wegen des unangenehmen Geruches, den der Stadthalter gerade verbreitet. Er läuft rot an. „So haben wir nicht gewettet. Ich erwarte eine Revanche!“

 
Der Stadthalter lässt sich laut in seinen Stuhl zurückfallen. Seine glasigen Augen schauen zum Himmel. Die Haussklaven in der Ecke des Raumes schauen amüsiert auf das angetrunkene Spielerpaar.

 
„Von mir aus!“ lächelt er müde. „Aber nicht um Geld!“ Eine mit Rotwein gefüllte Idee schießt ihm in den Kopf. „Ich, ich schpiele um einen Gefangenen. Wenn du gewinnst, kannst du ihn haben. Wenn nicht, hängt er noch morgen am Kreuz.“

 
Fabius Octopus, der Tuchhändler, will protestieren, aber er weiß genau, dass er damit keine Chance haben wird. Auch er kann sich der Macht des Staates, so erbärmlich sie auch gerade aussieht, nicht widersetzen. Aber er will an diesem Abend nur noch einmal gewinnen. Und er will es diesem rüpelhaften Pontius zeigen. Außerdem… wenn er so darüber nachdenkt, er kann bei diesem Spiel ja gar nichts verlieren!

 
„Einverstanden!“ sagt er. „Aber wir spielen nicht um irgendeinen Tagedieb, wir spielen um den Jeshua, Jesus, den Aufrührer, den König der Juden.“

 
Pontius Pilatus stoppt abrupt das Rotweinglas, das er gerade zum Mund führen will. Ein roter Schwall ergießt sich auf seine weiße Tunika. Zwei der Haussklaven eilen beflissen herbei und tupfen die Flüssigkeit mit weißen Tüchern ab. Einer von rechts, einer von links.

 
Einen Moment lässt der Stadthalter sie gewähren, dann stößt er sie unwirsch weg. Er fuchtelt wild mit den Armen, lallt.
 
Fabius starrt sprachlos auf sein Gegenüber. Der verwischte Rotwein hat auf dem Gewand die Form eines Kreuzes hinterlassen.
 

 
Pontius bemerkt davon nichts, er greift mit seiner zitterigen rechten Hand nach dem Würfelbecher. Und ist schon beim zweiten Versuch erfolgreich. Er lächelt zufrieden und zieht ihn zu sich heran.

 
„Meinetwegen!“ lallt er. „Ist doch eh alles nur Gerede. Und ich bin froh, wenn die Sache ohne großes Aufheben erledigt wird. Wer weiß, welche Folgen eine Verurteilung haben kann? Ich kann hier keinen Aufruhr brauchen.“

 
Er taucht seine Hände in eine Schüssel mit Wasser, die ihm die Bediensteten reichen, und wäscht sie ergiebig. Plötzlich wirkt er wieder nüchtern. „Und ich gebe dir sogar noch zwei Mörder dazu, die will ich auch loswerden.“ Er lacht laut auf, seine Stimme klingt hysterisch. „Und wenn du verlierst, will ich dein Haus!“

 
Fabius Octopus weicht entsetzt vom Tisch zurück. Von einem Einsatz seinerseits ist bisher nicht die Rede gewesen. Er zweifelt. Soll er weiterspielen? Das Risiko ist hoch, immens hoch. Zu hoch. Aber er will seinem selbstgefälligen rülpsenden Gegenüber auch nicht die Genugtuung geben und jetzt einen Rückzieher machen. Verzweiflung kommt in ihm auf. Soll er die Wette annehmen? Kann er überhaupt noch „nein“ sagen?

 
Unerwartet weht ein Wind durch die Fensteröffnung und lässt die Tunika des Stadthalters hochwehen.
 
Rotes Kreuz auf weißem Grund.

 
Von draußen hört Fabius die lauten Stimmen der Wachablösung, militärische Befehle, das Klappern von Waffen, das Schnauben der Pferde, die soeben abgesattelt werden.

 
Kreuz. Reiter.

 
Ein verschwommenes Bild zeichnet sich vor dem inneren Auge des Fabius Octopus ab.

 
„Gut,“ sagt er. „den Jesus von Nazareth gegen mein Domus, die beiden Mörder kannst du behalten. Und wenn ich gewinne, dann kröne ich ihn zum König der Juden.“ Mit diesen Worten hofft er, sein Gegenüber zu reizen.

 
„Mach doch, was du willst,“ lallt Pontius jedoch nur. „Hauptsache, ich bin ihn los.“  

 
Wieder taucht er seine Hände in die Wasserschüssel, zieht sie dann verdutzt wieder heraus und schaut sich verwirrt um. Seine Augen sind glasig, rot unterlaufen sein Gesicht verschwitzt. Er greift nach dem Würfelbecher, den er eben zu sich hingezogen hatte. „Und nun los, ich bin müde.“

 
Er greift ungeschickt nach den Würfeln, wirft sie in den Würfelbecher und beginnt, ihn zu schütteln.
 
„Tock“ macht es auf dem Olivenholztisch, als Pontius Pilatus den Becher absetzt.

 
Zwei 4en, 5, 3, 6, 1
 
Er nimmt alles wieder auf und schüttelt den Becher erneut.

 
1, 4, 6, 3, 5, 6
 
Seine letzte Chance. Er wischt mit der linken Hand den Schweiß von seiner Stirn und lässt die zwei 6en liegen, würfelt mit den vier übrigen Würfeln erneut.

 
6, 3, 4, 5
 
Drei 6en! Das soll ihm der blöde Tuchhändler erst einmal nachmachen. Selbstgefällig lehnt er sich in seinem Sessel zurück und ordert mit einem Fingerschnippen neuen Wein.

 
Fabius Octopus schaut erstaunt sein Gegenüber an. Wieso lächelt der so selbstsicher? Drei Sechsen, das ist zu schlagen, keine Frage! Er greift den Würfelbecher und schiebt die sechs Würfel hinein. Das Schütteln der Würfel klingt wie das Getrappel von Pferden. Er stülpt den Becher auf den Tisch.
 
Tock!

 
Langsam hebt er den Becher an. Pontius Pilatus zieht eine Augenbraue hoch und versucht, unter den Becher zu schielen.
 
6, 4, 1, 3, 5, 2

 
Der Tuchhändler jubelt auf. Genussvoll und langsam bringt er die Würfel in die richtige Reihenfolge:
 
1, 2, 3, 4, 5, 6

 
Dem Stadthalter scheinen die Augen aus dem Kopf zu quellen, er nimmt einen kräftigen Schluck Wein und wischt sich nachlässig den tropfenden Mund ab. Dann knallt er den Weinbecher mit voller Wucht auf den Tisch.

 
„Meinetwegen! Nimm ihn!“ Schwankend steht er auf.

 
„Der Gerichtstag fällt morgen aus! Rom ist müde!“ ruft er laut in den Raum hinein. Auf seinen Wink eilen zwei Haussklaven herbei und stützen in, als er in sein Schlafgemach wankt.

 
Fabius Octopus lächelt zufrieden. Er hätte nie gedacht, dass diesem „Aufrührer“, den er insgeheim bewundert, einmal tatsächlich begegnen würde, und jetzt stünde Jesus auch noch in seiner Schuld. Vielleicht könnte man zusammen die festen Ketten, die Rom um Jerusalem geschlungen hatte, etwas lockern. Oder gar zerbrechen.

 
Der Tuchhändler schnippt mit dem Finger zu dem Centurio an der Tür, der das ganze Treiben mit unbewegter Miene beobachtet hatte. „Geht zu dem Hauptmann der Wache! Sagt ihm, er soll diesen Nazarener frei lassen! Noch in dieser Stunde! Der Stadthalter will es so!“

 
Septimus rechte Faust kracht auf den Brustharnisch, die linke Hand zum Gruß ausgestreckt brüllt er „Jawoll!“ und verschwindet durch die Tür.

 
Nur kurze Zeit später reitet Jesus auf einem gestohlenen Esel aus der Stadt hinaus. Er weiß nicht, was geschehen ist, nur, dass er wieder einmal Glück gehabt hat. Und dass er am besten so schnell wie möglich das Weite suchen sollte.

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